Stadt lässt Dienstwohnung räumen
Rathausangestellter, Lehrerin und zwei Kinder zum Auszug gezwungen - Grund: Streitigkeiten über die Miete
Am Mittwoch kurz nach 8 Uhr an der Weydemeyerstraße in Rabenstein: Karl-Heinz Langer zeigt seinen Mietvertrag, während sich Gerichtsvollzieherin, Polizei und Möbelpacker Zutritt zum Grundstück verschaffen.
Foto: Andreas Truxa
Chemnitz. Etwa 300 Wohnungen werden jährlich in Chemnitz zwangsgeräumt, meist wegen Mietschulden. Bei einem Fall am Mittwoch in Rabenstein lagen die Dinge anders. Die Stadt ließ einen Rathausangestellten samt Familie aus seiner Dienstwohnung werfen.
8 Uhr auf der Weydemeyerstraße: Ein Möbelwagen steht vor dem schmucken Haus. Packer warten aufs Startsignal. Aber Gerichtsvollzieherin Ilona Wagner und Vertreter von Jugend-, Stadtkassen- und Sozialämtern beißen bei Karl-Heinz Langer auf Granit. "Sie müssen schon ein Zaunsfeld ausheben und das Schloss aufbohren", bleibt der verzweifelte Familienvater stur.
Der 44-jährige Kraftfahrer vom Rathaus-Fuhrpark und seine Kinder Josefine, 21, und Benjamin, 20, haben mit ihren Autos das Gartentor verbarrikadiert. Alle drei haben sich von der Arbeit frei genommen, während Ehefrau und Mutter Silke Langer als Deutschlehrerin Grundschüler unterrichtet. In den Händen hält Karl-Heinz Langer den Mietvertrag von 1991, als er Hausmeister des damals noch städtischen Kindergartens im gleichen Gebäude war. Jetzt ist er Kraftfahrer, aber weiter Angestellter der Stadt. "Der Mietvertrag kann erst gekündigt werden, wenn mein Arbeitsverhältnis endet", meint er. Inzwischen hat die Gerichtsvollzieherin die Polizei zur Hilfe gerufen, Zaun und Türen werden gewaltsam geöffnet und die Wohnung leer geräumt.
Seit die Verwaltung des Gebäudes 2001 vom Schulverwaltungs- an das Jugendamt übergegangen sei, habe es immer wieder Streit gegeben: um Wegerecht für den Kindergarten, Winterdienst, Regenwassergebühr, Reparaturen und Eigenleistungen. "Deshalb haben wir eine Klärung gefordert und, mit Ankündigung, einen Teil der Miete zurückgehalten", erzählt Langer. Nach mehreren erfolglosen Gesprächen klagte die Stadt und bekam im Februar 2008 vom Amtsgericht Recht. Die Berufung der Familie wies das Landgericht im Juli ab.
"Wir hätten das ausstehende Geld jederzeit zahlen können, aber darum ging es der Stadt offenbar gar nicht mehr. Sie wollte uns nur noch raus haben", vermutet Silke Langer. Am Abend berichtet sie erleichtert, dass Bekannte der Familie kurzfristig eine Wohnung vermietet haben.
"Jetzt kann der Kindergarten erweitert werden", sagt Jugendamtsleiter Holger Pethke. Offiziell weist die Stadtverwaltung einen Zusammenhang mit der Zwangsräumung aber von sich. "Das spielte gar keine Rolle. Die Gründe für die Zwangsräumung sind unter anderem mietwidriges Verhalten."
Von Michael Brandenburg
Erschienen am 12.11.2008
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