Prozess gegen die Frau ohne Reue
Ehemalige Kita-Erzieherin muss sich wegen Misshandlung Schutzbefohlener verantworten
Mit übergezogener Kapuze erschien die Angeklagte vor Gericht: Die ehemalige Erzieherin soll behinderte Kinder misshandelt haben. Zu den Vorwürfen äußerte sie sich am Montag nicht.
Foto: Andreas Truxa
Chemnitz. Eine 39-jährige Erzieherin muss sich seit Montag vor Gericht verantworten. Die ehemalige Angestellte des Heilpädagogischen Kindergartens Chemnitz soll körperlich und geistig schwer behinderte Kinder gequält und gedemütigt haben.
Es ist eine Frau ohne Einsicht, die da auf der Anklagebank des Saals 302 im Chemnitzer Amtsgericht sitzt. Obwohl die Vorwürfe gegen sie so ungeheuerlich und so massiv sind, obwohl die Zeugen sie fast ausnahmslos bestätigen - die 39-Jährige zeigt keine Reue. Stattdessen sitzt sie fast trotzig auf der Anklagebank und schüttelt immer wieder den Kopf.
Die Anklage lautet auf Misshandlung von Schutzbefohlenen. Mechanisch trägt die Staatsanwältin die einzelnen Punkte vor, dabei geht immer wieder ein Raunen durchs Publikum. Die Angeklagte, die bis 2007 im Heilpädagogischen Kindergarten in Chemnitz angestellt war, soll geistig und körperlich schwer behinderte Kinder isoliert, angeschrien, grob angefasst und dabei auch verletzt haben.
"Sie hat ein vierjähriges Kind auf den Teppichboden geworfen - das Knallen des Kopfes werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen", berichtet eine Zeugin, die im vergangenen Jahr als Praktikantin in der Einrichtung gearbeitet hatte. Und eine andere ehemalige Praktikantin berichtet, als eines der schwerbehinderten Kinder beim Füttern Probleme bereitete, habe die Angeklagte das Mädchen auf den Boden geworfen, sich über sie gekniet und ihr dann die Flasche in den Mund geschoben, bis sich das Kind erbrach.
Die Vorgänge müssen sich so über Monate, wenn nicht gar Jahre in dem Kindergarten abgespielt haben. Kolleginnen der Angeklagten schauten weg, weil sie Angst vor ihr hatten, wie sie dem Gericht sagten. Und frühere Beschwerden bei der direkten Vorgesetzen hätten nichts gebracht, erklärten sie. Die habe lediglich erklärt, die Mitarbeiterinnen sollten Probleme unter sich selbst ausmachen.
Es waren letztlich die Praktikanten, die die Vorgänge ans Licht brachten. Als sich vier von ihnen bei der Leitung der staatlichen Einrichtung meldeten, wurde die 39-Jährige suspendiert. Pikant dabei: Ein Referatsleiter der zuständigen Bildungsagentur soll die Vorgesetzte der Erzieherin sogar noch zum Verfassen einer wohlwollenden Beurteilung gedrängt haben. Kurz nach ihrer Kündigung fand die 39-Jährige einen neuen Job in einem Kindergarten in Waldenburg. Die Verantwortlichen dort erfuhren erst aus der Zeitung über die Vorgeschichte ihrer neuen Kollegin: Die "Freie Presse" hatte die Vorgänge im Frühjahr öffentlich gemacht.
Ein Urteil gab es am Montag noch nicht. Der Prozess soll im Dezember fortgesetzt werden.
Von Swen Uhlig
Erschienen am 10.11.2008
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