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Tagestouren

"Jehn Se ma weg mit Hauptmann"

DIE TAGESTOUR: In die Kleinstadt Erkner bei Berlin, wo Gerhart Hauptmann vier Jahre lebte und die Personen für seinen "Biberpelz" fand


Das Museum beherbergt eine ständige Ausstellung zum Leben, Werk und Wirken des Dichters Gerhard Hauptmann sowie eine Forschungsbibliothek.

Foto: Stadt Erkner

Berlin. Gerhart Hauptmann war ein Reisender. Italien, Schweiz, England, Amerika und natürlich Deutschland, immer kreuz und quer, zur Kur, zu den Aufführungen seiner Stücke, zur Recherche oder zu neuen Wohnstätten. Nach Erkner bei Berlin beispielsweise.

Meist werden die vier Jahre zwischen 1885 und 1889, die Hauptmann in der Villa Lassen lebte, als Episode abgetan. Doch im kleinen Museum der Stadt im Berliner "Speckgürtel" stellt sich das ganz anders dar. Und nachdem, was Museumsdirektor Stefan Rohlfs in den vergangenen Jahren akribisch zusammengetragen hat und seit knapp einem Jahr in den Räumlichkeiten des ehemaligen Wohnhauses der Hauptmanns präsentiert, sind es die Jahre in Erkner, die das Schaffen und das Privatleben des Dichters nachhaltig beeinflussten.


Vom Kurerfolg der Adele Thienemann aus Radebeul

Hauptmann wurde am 15. November 1862 in eine Gastwirtsfamilie in Bad Salzbrunn in Schlesien geboren. Da Gerhart sich der Kunst - zunächst der Bildhauerei, dann der Schauspielerei und zunehmend dem Dichten - widmete, verlebte er eine brotlose Jugend. Der Zufall und die Liebe änderten dies. Adele Thienemann, eine von fünf Töchtern eines vermögenden Wollgroßhändlers aus Radebeul, fuhr zur Kur nach Bad Salzbrunn, lernte dort Georg Hauptmann, den ältesten Bruder und Kneiper, kennen. Liebe auf den ersten Blick. Vater Berthold Thienemann wollte sich den Schwiegersohn in spe genauer ansehen, dabei blieb ihm nicht verborgen, wie es um die Finanzen der Hauptmanns stand. Das störte ihn offensichtlich nicht, die Hauptmann-Jungs waren ihm sympathisch, und statt eines Schwiegersohns hatte er am Ende gleich drei: Adele wurde mit Georg verheiratet. Marie wollte ursprünglich Carl, doch der wendete sich ihrer jüngeren Schwester Martha zu. So bekam sie Gerhart.

Mit 19 lernte Gerhart also Marie kennen, aber es sollte noch vier Jahre bis zur Hochzeit dauern. 1884 arbeitete Hauptmann in Rom als Bildhauer und erkrankte dort an Typhus. Er kam wieder auf die Beine, und das Paar konnte 1985 getraut werden. Die beiden zogen nach Berlin. Doch dort litt Gerhart an Bluthusten, liebte aber trotzdem gesellige Runden, bei denen auch der Alkohol reichlich floss. Überdies war der Künstler, der sich dank Heirat ein bescheidenes bürgerliches Leben leisten konnte, über die Maßen großzügig, verschenkte und verlieh viel Geld - ihr Geld. Sie muss froh gewesen sein, als er endlich auf die Empfehlungen hörte, und sie aufs Land nach Erkner zogen.

Hauptmann wird Spaziergänger. Das neue Teerwerk gegenüber des Bahnhofs ist sein therapeutisches Ziel - Tuberkelbazillen sollen durch Teer abgetötet werden. Er läuft nach Woltersdorf, Rüdersdorf, Richtung Gosen, Neuzelle - er ist stundenlang unterwegs - mit Stift und Notizblock. "Produktivspaziergänge" nennt er diese Touren, auf denen er sich zuweilen mit Förstern und Fischern unterhält, Waschfrauen beobachtet und mit den Fabrikarbeitern ins Gespräch kommt. Übrigens, heute kann man in Erkner Hauptmanns Routen nachspazieren, kommt dabei auch an jenem Ort nahe des Friedhofs vorbei, wo das Häuschen des "Bahnwärters Thiel" stand, einer seiner frühen Novellen.

Hauptmann fühlt sich lange körperlich geschwächt, antriebslos. Dazu trägt sicher auch der entlegene Ort bei, an dem Hauptmanns wohnen. Ein schönes Haus zwar, aber damals am Waldesrand gelegen, einsam. Doch es kommt Leben ins Haus: Sohn Ivo wird geboren, der erste von drei Söhnen, die in Erkner das Licht der Welt erblicken, und der 25-jährige Vater Gerhart muss offensichtlich tüchtig mit ran.

Der erste Winter, den sie in Erkner verbringen, ist hart, Spaziergänge fallen für Hauptmann flach, und er beginnt mit literarischen Studien. "Pflichten gegen die Kunst verbunden mit Kinderpäpplung" nennt er dies später. Im darauf folgenden Sommer fährt er nach Putbus zur Erholung - ohne Frau und Kinder. Und man spürt die Erleichterung aus seinen Worten, dass er hier ohne seine gewohnte "Häuslichkeit, ihren Geburts- und Nahrungsängsten" sein kann. Aber man vermutet sicher richtig, dass es im Hause Hauptmann kriselt.

1886 wird in Berlin der literarische Verein "Durch!" gegründet. Hauptmann war von den wöchentlichen Zusammenkünften begeistert, sicher keine staubtrockene Akademikerrunde. Die Kontakte, die er im Verein schließen kann, ermöglichen es ihm endlich, seine literarischen Arbeiten zu veröffentlichen. Er wendet sich von der Bildhauerei ab und wird zu dem naturalistischen Dichter, den wir heute kennen. Seine Helden sind die kleinen Leute, und er erzählt Geschichten, die tatsächlich passiert sind. Viele seiner Dramen-Figuren tragen erkennbare Züge seiner Mitbürger in Erkner. So findet sich hier schon die Personage vom "Biberpelz". Der Amtsvorsteher des Ortes, Oscar von Busse, diente als Vorbild für den Amtsvorsteher Wehrhahn. Seinen Vermieter Nikolaus Lassen finden wir als Rentier Krüger wieder, und die Mutter Wolffen ähnelt sehr der Marie Heinze, der Haushaltshilfe und Waschfrau der Hauptmanns. Über die künstlerischen Freiheiten, die sich der Autor erlaubte, war die Heinze nicht erfreut. Besucher, die das Erkner Original bis zu ihrem Tode 1935 besuchte, schickte sie weg: "Jehn Se ma weg mit Hauptmann. Ick will von dem Mann nischt wissen!"


Schicksalhafte Begegnung mit Margarete Marschalk

Im letzten Erkner-Jahr, in dem die Familie ein offenes und geselliges Haus führte, gab es eine folgenschwere Begegnung. Der Komponist Max Marschalk brachte seine 14-jährige Schwester Margarete mit. Ein Mädchen, in das sich der damals 27-jährige Hauptmann sofort verguckte. Sie war so ganz anders als Marie, die sich eher im Hintergrund hielt, für Kinder, Haus und Finanzen sorgte.

Im Sommer 1889 geht die Familie wieder nach Berlin, und so wie Hauptmanns Dichterruhm in Schwung kommt, kühlt sich die Ehe ab. Er trifft sich heimlich mit Margarete. Sie ist Geigerin, lässt sich zur Schauspielerin ausbilden und spielt am Deutschen Theater. Doch Hauptmann will auch Marie nicht verlassen und träumt davon, mit beiden Frauen zu leben.

Viele historische Quellen geben an, dass sich im November 1893 wohl der entscheidende Bruch ereignete. Hauptmann geht mit Margarete zur Uraufführung seines Stücks "Hanneles Himmelfahrt" ins Königliche Schauspielhaus. Die Ehefrau reist mit den Kindern nach Amerika. Mit dieser klaren Entscheidung von seiner sonst so geduldigen Frau hatte Hauptmann nicht gerechnet. Also fährt er ihr nach und holt sie zurück.

Doch vergebens. Hauptmann will von Margarete nicht lassen, aber die tiefverletzte Marie dauert ihn. So baut der inzwischen Vermögende ihr ein Haus in Dresden, wo sie ihrer Familie näher ist, und zieht mit Margarete nach Agnetendorf im Riesengebirge.

Zehn Jahre zieht sich die Scheidung hin. 1901 bekommen Margarete und Gerhart einen Sohn. Im Juli 1904 ist die Ehe mit Marie gelöst, im September des gleichen Jahres steht Hauptmann wieder vor dem Traualtar. Doch dieser nun auch vor dem Gesetz geschlossenen Beziehung drohte sofort Gefahr. 1905 verliebt sich der 43-jährige Hauptmann in eine 16-jährige Schauspielerin. Hauptmann zog sogar nach Berlin, um dem Mädchen näher zu sein. Doch dann erkrankt er schwer und kehrt mit seiner Frau nach Agnetendorf zurück. Die räumliche Trennung ließ die Beziehung rasch abkühlen.

Übrigens kommt Hauptmann 1942 noch einmal nach Erkner zurück und ist entsetzt, dass aus seinem ehemaligen Wohnhaus das Gasthaus Zum Biberpelz geworden ist. Gerade dort, wo er seinem Alfred Loth in "Vor Sonnenaufgang" die warnenden Worte über die Schädlichkeit des Alkohols in den Mund gelegt hat, stand nun der Tresen.


Informationen

Anreise:
• Mit dem Pkw: Ab Chemnitz sind es 260 Kilometer bis Erkner. Man fährt die A 13 bis zum Schönefelder Kreuz, dort weiter auf dem Berliner Ring nach Osten bis zur Ausfahrt Erkner.
• Mit der Bahn: Bis Berlin und ab dort weiter mit dem Nahverkehr.

Weitere Informationen:
Tourismus-Information
Friedrichstraße/Ecke Beuststraße
15537 Erkner
Telefon: 03362 740318
Internet: www.erkner.de

Von Martina Krüger


Erschienen am 13.11.2008

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